„Unterwegs mit Jacqueline“ (OT: La vache) jetzt im Kino

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Published on 2016/07/09 by jsabot

Über „Unterwegs mit Jacqueline“

Liebevoll wässert Fatah die Pflanzen in seinem Gemüsegarten am Rande der Wüste und trällert dabei französische Chansons vor sich hin. Er ist ein eher schmächtiger Typ, mit weiten Hosen, Halbglatze und Brille. Der zweifache Familienvater hat nie woanders gelebt als hier in seinem algerischen Dorf, das aus der Welt und der Zeit gefallen scheint. Doch wie so häufig ist er auch an diesem Morgen in Gedanken ganz weit weg: in Paris, bei der jährlich stattfindenden Landwirtschaftsmesse, wo er so gern mal seine wunderschöne Kuh Jacqueline präsentieren würde, die sein ganzer Stolz ist. Wie oft hat er sich schon um ihre Teilnahme beworben! Doch Träume sind Schäume. Und erst einmal muss er ohnehin seine beiden kleinen Töchter zur Schule bringen und anschließend das Gemüse auf dem Markt verkaufen.

Als wenig später der Briefträger auf dem Dorfplatz erscheint und die Post verteilt, ist auch ein Brief für Fatah mit dabei. Mit zitternden Händen reißt er den Umschlag auf, denn das Schreiben kommt aus Frankreich. Fatahs Spannung entlädt sich in einem Jubelschrei, in den das halbe Dorf mit ein- stimmt. Denn er und Jacqueline haben es geschafft: Sie wurden ganz offiziell zur nächsten Landwirt- schaftsmesse eingeladen! Nun ist guter Rat teuer. Reise- und Übernachtungskosten müssen die Teil- nehmer nämlich selber tragen. Auf einer eiligst einberufenen Versammlung wird das Für und Wider dieser weiten Reise ins Ungewisse diskutiert, lautstark und kontrovers. Bei der finalen Abstimmung zeigt sich jedoch, dass eine große Mehrheit dafür ist, Fatah finanziell zu unterstützen. So eine Chance bekommt man schließlich nur einmal im Leben.

Ein paar Taschen sind schnell gepackt, gut gemeinte Ratschläge, wie sich Fatah in der Fremde verhal- ten soll, gibt es von den aufgeregten Dorfbewohnern umsonst dazu – aber vor allem schärft ihm sein Schwiegervater ein, dass er sich nach der Mittelmeerüberquerung bei seinem Schwager Hassan in Marseille melden soll, der werde schon wissen, wie er die restliche, Hunderte von Kilometern lange Strecke bis nach Paris am besten bewältigt. Obwohl Fatah der Abschied von seiner Frau Naïma und den Töchtern schwerfällt, zieht er stolz und mit grenzenlosem Optimismus, Jacqueline im Schlepptau, in das Abenteuer seines Lebens. Die Überfahrt nach Frankreich verläuft problemlos, doch gleich am Hafenkai in Marseille fangen die Schwierigkeiten an.

Eigentlich sollten Fatah und Jacqueline von Hassan abgeholt werden. Der lässt sich aber nicht blicken, und als Fatah endlich die Wohnung seines Schwagers ausfindig gemacht hat, fällt die Begrüßung alles andere als überschwänglich aus. Hassan würde ihn sogar am liebsten gleich wieder loswerden, denn nun droht ein Geheimnis aufzufliegen, das er bislang vor den Verwandten daheim in Algerien bewah- ren konnte: Er lebt mit einer Französin zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. Dass sich Fatah und die hübsche Stéphanie auf Anhieb sympathisch sind, spielt keine Rolle – Hassan komplimentiert Fa- tah schon nach kurzer Zeit wieder zurück auf die Straße. Doch der lässt sich davon nicht entmutigen – macht er sich eben allein und ohne Hilfe auf den weiten Weg nach Paris. Er hat ja genügend Zeit, um es rechtzeitig zum Kuh-Wettbewerb der Landwirtschaftsmesse zu schaffen.

Die ersten Kilometer fallen dem ungewöhnlichen Duo leicht. Fatah genießt die schönen Landschaften und die Freundlichkeit der Menschen, die ihnen begegnen. Als es einmal wie aus Eimern schüttet, bittet er eben bei einer Bäuerin um Unterschlupf. Die ist erst skeptisch, was sie von dem radebre- chenden Kauz halten soll, der da im Dunkeln an ihre Tür klopft. Doch sie taut schnell auf, kocht ihm ein leckeres Abendessen, und am nächsten Morgen hilft Fatah zum Dank auf ihrem Hof.

Doch auch hier kann er sich nicht verewigen. Paris ruft! Aber weil er nachts ausruhen muss, lernt er bei einem dörflichen Volksfest einen Zirkuszauberer und dessen Assistentinnen kennen. Der Zaube- rer baut Jacqueline spontan in einen seiner Tricks ein, was anschließend gefeiert wird. Mit Alkohol. Fatah lehnt zwar dankend ab, aber die anderen insistieren, dass es sich nur um „Willy“ handelt, also Williams-Birnenschnaps, alles ganz harmlos also. Und so kommt es, dass Fatah sich nicht nur zu ei- nem Karaokeauftritt mit „I Will Survive“ hinreißen lässt. Wenig später ist er sturzhagelblau und förm- lich unter den Tisch getrunken. Als seine Saufkumpane sich verabschieden, wovon er praktisch nichts mitbekommt, drückt ihm eine der Assistentinnen einen dicken Schmatzer auf die Lippen, was jemand mit Fatahs Handy festhält. Dann schläft er seinen Rausch aus. Und zieht am nächsten Morgen weiter.

Als der gläubige Moslem seinen kleinen Teppich auf einer Wiese ausrollt und gen Mekka betet, ist Jacqueline spurlos verschwunden. Nach verzweifelter Suche entdeckt er sie schließlich in einem Tümpel, aus dem sie sich aus eigener Kraft nicht befreien kann. Allein schafft es Fatah auch nicht, die Kuh aus dem Morast zu ziehen. Zum Glück kommen rechtzeitig zwei Männer vorbei – einem von ihnen gehört der Teich, in dem Fatah auf kuriose Weise mit Jacqueline zu kämpfen scheint. Auch dieser Philipp, seines Zeichens Adliger in akuter finanzieller Schieflage, merkt schnell, was für ein sympathisch naiver, ehrlicher und ansteckend optimistischer Zeitgenosse Fatah ist. Weil Jacqueline nach dem kleinen Malheur eine Beinverletzung auskurieren muss, lädt Philippe Fatah ein, ein paar Tage auf seinem Schloss zu verbringen.

Inzwischen sind die Kussfotos – eher versehentlich – in Fatahs Heimatdorf gelandet. Auch Naïma hat sie gesehen und ist alles andere als erfreut. Fatah kommt zu Ohren, dass sie sich scheiden lassen will, und diese Nachricht wiederum lässt ihn still verzweifeln. Philippe spürt, dass den sonst so fröhlichen Mann plötzlich irgendwas bedrückt. Fatah rückt schließlich mit der Sprache heraus, und um Naïma zurückzugewinnen, beschließen die beiden, gemeinsam einen Liebesbrief an sie zu schreiben. Das gestaltet sich zunächst ziemlich schwierig, weil es unter algerischen Eheleuten, wie Philippe lernt, unüblich ist, große oder auch nur kleine Gefühle zu zeigen, auch nicht auf Papier. Doch Philippe kit- zelt aus Fatah ehrliche, emotionale Worte heraus, um die Ehekrise aus der Welt zu schaffen – was, wie sich zeigen wird, tatsächlich auch gelingt.

Zu schnell muss Fatah wieder Abschied nehmen von Philippe und dessen Angestellten, die den Besu- cher ins Herz geschlossen haben. Auf seiner Weiterreise gerät er mitten hinein in eine Protestaktion von Landwirten, die verzweifelt Sturm laufen gegen die jüngsten Beschlüsse der Regierung. Einer der Organisatoren glaubt, dass Fatah mit seiner Kuh extra aus Algerien angereist ist, um sich mit den französischen Bauern zu solidarisieren, was wiederum eine junge TV-Journalistin auf ihn aufmerksam werden lässt. Als sie den wahren Hintergrund seiner Reise erfährt, führt sie ein ausführliches Inter- view mit Fatah. Kaum ist ihr Bericht im Fernsehen gelaufen, zieht die Geschichte ungeahnte Kreise: Andere Sender, die sozialen Medien – alle springen auf die so einzigartige wie rührende Story an. Selbst daheim in Algerien ist Fatah im Fernsehen zu sehen, der hier wie dort zum wahren Volkshel- den mutiert. Dummerweise sitzt der so Gefeierte mittlerweile im Gefängnis, denn die Bauerndemo ist eskaliert und Fatah mit vielen anderen verhaftet worden. Als Philippe ihn abholen will, gerät er sofort mit einem Polizisten aneinander. Sekunden später teilen sich Fatah und Philippe eine Zelle.

Da taucht unverhofft Hassan aus Marseille auf. Die algerische Verwandtschaft hat ihn alarmiert, da- mit er seinem Schwager aus der Patsche hilft. Wieder in Freiheit, rückt Fatahs Traum von einer prä- mierten Jacqueline allerdings in weite Ferne. Denn erstens steht die Eröffnung der Landwirtschafts- messe unmittelbar bevor, und wer nicht rechtzeitig vor Beginn des Wettbewerbs erscheint, wird automatisch disqualifiziert. Zweitens ist Paris noch weit. Und drittens, was viel schlimmer ist, fehlt von Jacqueline seit der Demo jede Spur. Es heißt, die Kuh wäre – weil ohne offensichtlichen Halter aufgegriffen – auf dem Weg zum Schlachthof. Für Fatah, Philippe und Hassan beginnt ein dramati- scher Wettlauf gegen die Zeit…

Unterwegs mit Jacqueline ab 14.07 im Kino

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