MEINE ZEIT MIT CÉZANNE jetzt auf DVD

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Published on 2016/10/06 by jsabot

Über MEINE ZEIT MIT CÉZANNE

Sie haben alles geteilt: ihr Aufbegehren, die Neugierde, die Hoffnungen, Zweifel, Mädchen, Ruhmesträume. Paul ist reich, Émile arm. Irgendwann ziehen sie fort aus Aix-en-Provence, hoch nach Paris, freunden sich an mit jenen, die am Montmartre und in Batignolles leben. Man verkehrt an denselben Orten, schläft mit denselben Frauen, verachtet die Spießbürger (was auf Gegenseitigkeit beruht), geht nackt baden, stirbt vor Hunger und stopft sich bei Gelegenheit den Bauch voll, trinkt Absinth, malt tagsüber jene Modelle, die man nachts streichelt, nimmt 30 Stunden Zugfahrt in Kauf, nur um einen Sonnenuntergang in der Provence zu sehen… Paul Cézanne und Émile Zola – aus dem einen wird ein Maler, aus dem anderen ein Schriftsteller. Der Ruhm geht achtlos an Paul vorbei. Émile hingegen besitzt alles: Ansehen, Geld, eine perfekte Frau, die Paul zuerst geliebt hat. Sie kritisieren und bewundern sich. Und sie gehen keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Sie verlieren sich aus den Augen und finden sich wieder – wie eins dieser Paare, die nicht aufhören können sich zu lieben…

CÉZANNE, ZOLA UND IHRE ZEIT

Ihr späteres Leben stellten sie sich immer als gemeinsames Leben vor, seit sie auf dem Gymnasium Collège Bourbon in Aix-en-Provence Freundschaft geschlossen hatten. Für Émile Zola (geb. 1840 in Paris) und Paul Cézannes (geb. 1839 in Aix-en-Provence) war es ein Segen, dass sie sich kennenlernten. Denn sie wurden für den jeweils anderen zum unverzichtbaren Rettungsanker. Die Stadt, in der sie lebten und die sie ein Leben lang – auch künstlerisch – gegen ihren Willen prägen sollte, meinte es nicht gut mit ihnen. Sie wurden gehänselt, verachtet, nicht ernst genommen. Émiles Mutter war Witwe, und das Geld war knapp. Pauls Vater gehörte eine Bank, aber für die feine Gesellschaft war er nur ein neureicher Emporkömmling. Deshalb wurde beiden häufig übel mitgespielt, und viele Jahre später sollte Zola, wenn er Aix in seinen Romanen erwähnte, kaum ein gutes Wort über sie und ihre Spießbürger verlieren.

Es war die Zeit des Zweiten Kaiserreichs, in der die beiden Jungen aufwuchsen. Während sie auf der Schule wenig überraschend Bestnoten im Aufsatzschreiben (für Émile) und Zeichnen (für Paul) bekamen, setzten sich unter Louis Napoléon Bonaparte, einem Neffen Napoléons I., die konservativen Kräfte im Land durch. Was unter anderem zur Folge hatte, dass das allgemeine Wahlrecht – eine Errungenschaft der französischen Revolution – abgeschafft wurde. Um nach seiner ersten Amtszeit weiter regieren zu können, organisierte Napoléon III. zudem einen erfolgreichen Staatsstreich und wurde 1852 schließlich zum Kaiser ernannt. Es war politisch betrachtet eine turbulente Epoche, doch in Aix war wenig davon zu spüren. Zumindest für Paul und Émile. Mit dem gemeinsamen Freund Batistin Baille unternahmen sie häufig kleine Fluchten aus ihrem Alltag, machten lange Wanderungen in der näheren Umgebung, picknickten, badeten im Fluss. Drei Jungs, die nackt unter südlicher Sonne auf heißem Sand brutzelten, eine idyllische, unschuldige Existenz voll kindlicher Abenteuer und geteilter Geheimnisse. Später, wenn es ihnen mal nicht so gut ging, dachten sie häufig an diese glücklichen Tage zurück: So konnte das Leben sein, so müsste es wieder sein…

Doch in Paris entwickelte sich längst nicht alles so, wie Paul und Émile sich das erhofft hatten. Hier spielte zwar das Leben, zumindest wenn man in einer schläfrigen Kleinstadt wie Aix aufgewachsen war, und revolutionäre Hungerleider wie die impressionistischen Maler Auguste Renoir, Edgar Degas und Camille Pissaro, die später ebenfalls zu weltberühmten Künstlern avancieren sollten, gehörten zu ihrem Freundeskreis. Andererseits bekam das scheinbar unzertrennliche Band zwischen Zola und Cézanne die ersten Risse. Denn Émile, der als erster in die Hauptstadt zog und vor anfänglicher Einsamkeit seinen Freund immer wieder bekniete, endlich nachzukommen, wurde als Journalist relativ schnell erfolgreich und konnte schon bald vom Schreiben seiner Romane gut leben. Paul hingegen, der bereits als Kind notgedrungen gelernt hatte, sich bei niemandem anzubiedern und nichts auf die Meinung anderer zu geben, blieb der Erfolg als Maler versagt. Hätte Émile ihn, seine spätere Frau Hortense und den kleinen Sohn Paul nicht regelmäßig finanziell unterstützt, wäre Cézanne vermutlich vor die Hunde gegangen. Cézanne seinerseits war es, der Émile mit Alexandrine, genannt Coco, bekannt machte, die seine Ehefrau werden sollte. Bei der Hochzeit war Paul Trauzeuge. Und sein erstes richtiges Buch widmete Émile seinem Freund. Er war es auch, der voller Begeisterung über Paul und seine Kumpel, die später als Impressionisten bekannt wurden, schrieb und ihrer neuen Art zu malen mit seinen Texten zu frühem Ansehen verhalf.

Ihre tiefe, scheinbar unauflösliche Freundschaft hielt, bis beide in ihren Vierzigern waren. Denn Émile und Paul veränderten sich. Paul kehrte enttäuscht und verbittert in die Provence zurück, Émile avancierte zum französischen Nationalgut. Schließlich starb Pauls Vater, und das Erbe, das Cézanne danach antreten konnte, befreite ihn endlich von seinen finanziellen Sorgen. Nun malte er, wenn das überhaupt möglich war, noch kompromissloser, entfernte sich immer mehr vom Stil der Impressionisten, schuf Werke, die die Moderne des 20. Jahrhunderts sowohl vorwegnahmen und überhaupt erst ermöglichten. Zola vollendete seinen gigantischen, 20-bändigen Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“ – ein kritisches Sittenbild des Zweiten Kaiserreichs, eine Phase, in der Frankreich zur nach Großbritannien zweitwichtigsten Wirtschafts- und Kolonialmacht aufstieg.

Einen der Romane aus diesem Zyklus nannte Émile Zola „Das Werk“, und es war eine unverhohlen (auto-)biografische Geschichte, denn Paul Cézanne diente ihm als Vorbild für einen gescheiterten Maler, der sich schließlich verzweifelt das Leben nimmt. Es war dieses Buch, das 1886 den Anfang vom Ende ihrer Freundschaft besiegelte: Paul reagierte mit einem wütenden Brief auf das wenig schmeichelhafte Porträt, von dem er – zu Recht – annahm, dass er unfreiwillig dafür Modell gestanden hatte. Danach sahen sie sich nie wieder. Kaum zwei Jahre später geriet Émile Zola durch einen „J’accuse“ genannten Brandbrief mitten hinein in die berühmte Dreyfus-Affäre. Zunehmend Prozessen, Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt, weil er für einen als pro-deutschen Spion verurteilten jüdischen Offizier Partei ergriffen hatte, setzte er sich nach London ab, wo er fast ein Jahr lebte.

Lange Zeit wurde angenommen, ihre Freundschaft sei sehr abrupt zu Ende gegangen, was sicher einerseits richtig ist. Auf der anderen Seite scheint dies nur die halbe Wahrheit zu sein, denn Paul Cézanne sollte noch zwei Mal unter Beweis stellen, dass der alte Freund ihm nicht gleichgültig geworden war. 1902, als Zola starb, soll Paul den ganzen Tag in seinem Atelier geweint haben. Und 1906, als eine Zola-Statue eingeweiht wurde: Der Zeremonie wohnte er nämlich bei, und es ist erneut überliefert, dass er auch bei dieser gelegenheit bitterlich geweint haben soll.

In einem Lied des berühmten Chansonsängers Jacques Prévert, das viele Jahre nach dem Tod der beiden Nationalhelden entstand, heißt es: „Und das Leben entzweit die, die sich lieben, ganz sanft, ohne großen Lärm…“ Die perfekte Metapher für das, was Paul Cézanne und Émile Zola wiederfuhr, die als 13-jährige Knaben davon geträumt hatten, ihr Leben gemeinsam zu leben.

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