der andere Liebhaber

Im Irrgarten des weiblichen Unterbewusstseins: Der andere Liebhaber (L’Amant double) von François Ozon

Chloé (Marine Vacth) ist ein ehemaliges Model auf erfolgloser Jobsuche – bildschön und eigentlich in der Blüte ihres Lebens. Wären da nicht ihre schweren Depressionen und seltsamen, unerklärlichen Magenschmerzen. Die junge Frau begibt sich in Psychotherapie bei Dr. Paul Meyer (Jérémie Renier) und hofft so auf Linderung ihrer seelischen und körperlichen Leiden. Während sich Chloé mit jeder Gesprächssitzung ein Stückchen mehr öffnet, entwickelt sich zwischen den beiden eine immer stärker werdende unterschwellige Spannung und gegenseitige Anziehung. Die einst so verloren wirkende Frau verliebt sich in ihren Therapeuten und scheint dadurch endlich aus ihrem psychosomatischen Tief gerettet zu sein. Sie findet eine Anstellung als Museumswächterin und gewinnt ihre Freude am Leben zurück. Da Paul ihre Gefühle erwidert, beschließen die beiden, ihr therapeutisches Verhältnis zu beenden und eine gemeinsame Wohnung über den Dächern von Paris zu beziehen. Die Liebesbeziehung scheint perfekt, doch mit der Zeit beschleicht Chloé der Eindruck, dass ihr Liebhaber etwas vor ihr verheimlicht. Sie beginnt in seinen Privatsachen zu stöbern und findet heraus, das Paul einen eineiigen Zwillingsbruder namens Louis (Jérémie Renier) hat, der auch Psychologe ist und zu dem sie sich ebenfalls hingezogen fühlt. Sie lässt sich bei Louis anonym als Patientin behandeln und so in eine leidenschaftliche Affäre verwickeln. Ein nervenaufreibendes (Verwechslung)Spiel beginnt und Chloés innerer Konflikt spitzt sich immer mehr zu…

Imagination oder Wirklichkeit?

„Der andere Liebhaber“ erzählt die Geschichte einer fragilen jungen Frau, die sich in ihren Therapeuten verliebt und wenig später herausfindet, dass dieser Mann von einem Geheimnis umgeben ist: Er hat einen bösen Zwillingsbruder! Doch was auf den ersten Blick so simpel erscheinen mag, präsentiert sich auf der Leinwand alles andere als geradlinig. Im Gegenteil: In dem Film verschwimmen die Realitäten auf eine sehr irreführende Weise – bis die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit kaum noch zu erkennen sind. Gleichzeitig rückt die Frage nach Identität in den Fokus.
Mit seinem erotischen Psychothriller lädt François Ozon seine Zuschauer in die Köpfe der handelnden Figuren ein. Was man dort findet, ähnelt einem geheimnisvollen Labyrinth mit verwirrenden Strukturen und in diesem Irrgarten des menschlichen Unterbewusstseins verliert man nur allzu leicht die Orientierung. Der Regisseur wirft die junge französische Schauspielerin und Model Marine Vacth in die Arme von zwei mysteriösen Zwillingsbrüdern (beide gespielt von dem belgischen Schauspieltalent Jérémie Renier) und baut dabei eine Spannung auf, an der man auf jeden Fall nicht teilnahmslos vorbeikommt. Ziemlich zügellos, irreführend und vor allem verstörend – den vielschichtigen Fantasien und der Gedankenwelt der Protagonistin sei Dank.

„Lives of the Twins“

Als Inspiration diente das 1987 erstmals veröffentlichte Buch „Lives of the Twins“ von der US-amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates. Ozon hat in seinem Film jedoch weniger Wert auf Realismus, dafür umso mehr auf geistige Verwirrung gelegt – und der Geschichte insgesamt einen französischeren Touch verliehen! „Der andere Liebhaber“ ist sein inzwischen 17. Kinofilm und wurde 2017 als bester Langfilm im offiziellen Wettbewerb in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Es handelt sich dabei nicht um seinen ersten Erotikthriller: Bereits 1999 setzt er sich in dem Film „Ein kriminelles Paar“ (Les Amants criminels) mit diesem Genre auseinander, 2003 folgt „Swimming Pool“ und 2013 das Drama „Jung & Schön“ (Jeune & Jolie). François Ozon betritt also bei weitem kein Neuland – und das bekommt man den ganzen Film über zu spüren!

  • Regie: François Ozon
  • Schauspieler: Marine Vacth, Jérémie Renier, Jacqueline Bisset etc.
  • Laufzeit: ca. 108 Min.
  • Sprachen: Deutsch, Französisch

Der andere Liebhaber (L’Amant double) – ab 18. Januar 2018 im Kino.

Ein Beitrag von Vanessa Most

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