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Interview mit Fiona Gordon und Dominique Abel : Über Pommes, Rebellion und die Wahl der richtigen Schauspieler

 

Die Australierin Fiona Gordon und der Belgier Dominique Abel feiern am 7. September den Kino-Start ihrer liebevollen und unterhaltsamen Komödie Barfuß in Paris“ (OT: Paris Pieds Nus). Wir durften das sympathische Filmemacher-Duo in Berlin treffen! Ein vermutlich unkonventionelles Interview, das uns viel über die beiden verrät – als Künstler, als Filmemacher, aber auch als Menschen.

Erst einmal vielen Dank, dass ihr Zeit für uns gefunden habt. Ich hoffe, es gefällt Euch in Berlin?

Dominique Abel: Vielen Dank unsererseits.

Fiona Gordon: Es ist wirklich schön hier in Berlin. Wir kennen die Stadt zwar noch nicht so gut, aber was wir gesehen haben, gefällt uns sehr.

Ich hab‘ ein paar unkonventionelle Entweder/Oder-Fragen mitgebracht, die dieses Interview – passend zu eurem Film – untypisch und originell gestalten sollen. Legen wir also los: Ja oder vielleicht?

Dominique Abel: Ja.

Fiona Gordon: Ich bin eher für … vielleicht! Ich bin jemand, der gerne alles anzweifelt.

Snooze oder gleich aufstehen?

Fiona Gordon: Snooze.

Dominique Abel: Gleich aufstehen.

Fiona Gordon (lacht): … ich wusste ja gar nicht, dass wir so verschieden sind…!

Süß oder salzig zum Frühstück?

Fiona Gordon: Salzig.

Dominique Abel: Darf ich beides sagen?! … dann beides!

Kochen oder bestellen?

Fiona Gordon: Kochen.

Dominique Abel: Kochen.

Freitag oder Samstag?

Fiona Gordon: Da gibt es keinen Unterschied.

Dominique Abel: Stimmt, wir haben kein klassisches Wochenende.

Croissant oder Pommes frites?

Fiona Gordon: Pommes.

Dominique Abel (lacht): Ich auch. Wir leben in Brüssel…

Duvel (Bier) oder Rotwein?

Fiona Gordon: Rotwein.

Dominique Abel: Ich bin auch für den Rotwein.

… Ach ja?! Lieber Rotwein als ein belgisches Bier?

Dominique Abel: Auf jeden Fall lieber als ein Duvel.

Anrufen oder SMS schreiben?

Dominique Abel: Anrufen.

Fiona Gordon: Bei mir… eher SMS.

Navigationssystem oder verlaufen?

Gordon und Abel (gleichzeitig): VERLAUFEN!!

Beyoncé oder Beethoven?

Fiona Gordon: Beethoven.

Dominique Abel: Würde ich auch sagen.

Der Körper oder das gesprochene Wort?

Dominique Abel: Der Körper, weil das gesprochene Wort Bestandteil des Körpers ist.

Kinoabend oder Theatervorstellung?

Fiona Gordon: Wenn es gutes Theater ist… dann Theater!

Dominique Abel: Da kann ich mich schlecht entscheiden. Beides.

Komödie oder Drama?

Fiona Gordon: Beides.

Dominique Abel: Ich glaube, beide Genres sind nötig! So wie ein Clown im Zirkus, der zwischen zwei ernsten Darbietungen auftritt, um das Publikum zu erheitern.

Drehbuch oder Improvisation?

Fiona Gordon: Sagen wir mal so: Improvisation ist ein Wunsch, aber das Drehbuch ist eine Notwendigkeit. Auch wenn man improvisiert, entsteht letztlich immer eine Art Drehbuch, egal ob es vorher aufgeschrieben wurde oder nicht.

Dominique Abel: Ich würde mich auch für beides entscheiden. Auf Grundlage eines Drehbuchs improvisieren! Und andersrum, denn unsere Drehbücher wurden beim Schreiben oft durch Improvisationen beeinflusst und bereichert. Man sagt ja auch, dass unser Körper manchmal intelligenter ist als unser Kopf…

Low oder High Budget Film?

Dominique Abel: Viel Budget, wenn möglich. Weil man so ganz andere Möglichkeiten und vor allem mehr Zeit für die Produktion hat. Und trotzdem würde ich ungern auf die Ideen und den Einfallsreichtum von Low Budget Filmen verzichten, bei denen man mit wenig Mitteln, aber viel Vorstellungskraft ein Projekt auf die Beine stellt.

Fiona Gordon: Aber wir hatten diese Situation eigentlich noch nie. Wir wissen gar nicht, inwieweit uns viel Budget dazu verleiten würde, bequem oder träge zu werden. Wir mussten immer sehr hart für die Finanzierung unserer Filme kämpfen.

Regie oder Schauspiel?

Dominique Abel: Regie UND Schauspiel. Obwohl wir gerade erst einen Werbefilm für ein Festival gedreht haben und es auch mal sehr angenehm war, wirklich nur zu spielen. Man hat einfach weniger zu tun. Wenn man Regie macht, schreibt und produziert, bedeutet das wahnsinnig viel Arbeit und Verantwortung.

Fiona Gordon: Andererseits werden wir so auch mehr oder weniger zu Malern. Maler, die zwar viel Arbeit haben, aber ihre eigenen Farben und Pinsel verwenden können. Das ist am Ende eigentlich auch unser Ziel: nicht nur für andere etwas darzustellen, sondern etwas für sie zu erschaffen – sei es eine Malerei, eine Skulptur oder ein Film.

Die Arbeit mit der Kamera – Befreiung oder Beschränkung?

Dominique Abel: Befreiung dahingehend, dass wir 20 Jahre lang Theater gemacht haben und Film für uns ein neues Werkzeug darstellte und uns ermöglichte, so manche Frustration vom Theater abzuschütteln. Beim Film ist es zum Beispiel ganz einfach, von einem Ort zum nächsten zu springen – Schnittprogramm sei Dank. Auf der Bühne ist das viel komplizierter. Man muss die Räume, die man durch Objekte erstellt hat, erst wieder ab- und neu aufbauen – und das möglichst spielerisch!

Fiona Gordon: Film und Theater sind zwei sehr unterschiedliche Vergnügen. Technisch betrachtet ist Film sehr schwerfällig und manchmal auch frustrierend. Unsere Stücke können wir ganz einfach mal in der Küche proben und Zuschauer findet man auch immer irgendwie. Beim Film ist das anders. Auf der anderen Seite waren wir beim Theater oft mehr LKW-Fahrer als Schauspieler, weil wir mit unseren Stücken auf Tournee und damit ständig auf dem Weg von A nach B waren. Auch die Kulisse immer neu aufzubauen und den jeweiligen Ort anzupassen ist manchmal schwerfällig und bedeutet viel Arbeit für oftmals nur eine Stunde Spielfreude vor Publikum.

Einen Film drehen – Magie oder Katastrophe?

Dominique Abel (lacht): Beides. Am Anfang habe ich noch gedacht: Unglaublich, dass ich Kinofilme mache! Ich!! Wie wagemutig das ist und welch ein Glück ich habe. Heute hat sich das etwas relativiert und ist mehr zur Gewohnheit geworden. Wobei es noch nie in einer Katastrophe geendet hat, weil wir immer Lösungen für unsere Probleme gefunden haben. Auch wenn es am Ende nicht immer so funktioniert, wie man es sich vorher gedacht hat…

Fiona Gordon: Dreharbeiten sind für mich eigentlich nie wirklich magisch. Weil wir zu sehr im Stress sind, alles sehr technisch abläuft und es sich eigentlich wie ein Marathon anfühlt, bei dem man immer fokussiert und konzentriert bleiben muss.

Dominique Abel: Die erste Nacht vor einem Dreh schlafen wir auch kaum und wenden uns im Bett hin und her…

Schauspiel – Technik oder Intuition?

Fiona Gordon: Intuition. Wir arbeiten praktisch anti-technisch, weil wir versuchen, in dem Menschen etwas zu finden, das ihn ausmacht und das er aber nicht zwangsläufig kontrolliert! Deswegen arbeiten wir nicht nur mit Schauspielern, sondern auch mit Clowns zusammen und legen viel Wert auf Improvisation.

Dominique Abel: Wir versuchen im Grunde genommen an unserem Dilettantismus zu arbeiten und das Amateurhafte und Intuitive zu beherrschen. Darum geht’s in unserer Arbeit eigentlich. Diese spezielle, unverbrauchte Frische in der Naivität zu entdecken.

Fiona Gordon: … was im Großen und Ganzen aber auch wieder eine Art Technik darstellt!

Besetzung der Schauspieler – Typcast oder ganz weit weg davon?

Fiona Gordon: Im Grunde wissen wir bei unseren Schauspielern oft gar nicht so genau, was sie letztlich tun und wer sie am Ende sein werden. Deswegen bedeutet Casting für uns vielmehr, Leute zu finden, mit denen wir arbeiten wollen. Und erst, wenn wir uns für eine Person entschieden haben, wird ihre Figur richtig Form annehmen, weil wir uns da vorher im Kopf nicht festlegen.

Dominique Abel: Wir laden Schauspieler gerne öfter zu uns ein, um mit ihnen Dinge und Charaktere auszuprobieren. Manchmal arbeiten wir bei unseren Castings mit einer Gruppe von 20 Leuten. Die lassen wir dann körperlich werden und witzige Dinge spielen, wie zum Beispiel einen Camembert, eine gekochte Spaghetti oder einen Blumenkohl. Auf die Gruppenarbeit folgt aber auch immer eine individuellere Arbeit. Im Grunde haben wir einfach alle Spaß und suchen dabei nach Menschen, die uns überraschen und zum Lachen bringen!

Hollywood oder Arthouse?

Gordon und Abel (gleichzeitig): Arthouse.

Dominique Abel: … auch wenn wir eigentlich fast alles schauen. Es ist wichtig und gut, eine große Vielfalt zu haben und nicht nur Filme zu schauen, die den unseren ähnlich sind.

London Film Festival oder Filmfest München?

Gordon und Abel (gleichzeitig): München.

Fiona Gordon: Das Wetter ist so kalt beim Londoner Filmfest.

Dominique Abel: … außerdem hat uns München mit sehr viel Herz und Seele empfangen.

Gibt es einen Film der euch derzeit beeindruckt hat?

Fiona Gordon: „Manchester by the Sea“ von Kenneth Lonergan.

Dominique Abel: Die Tragikomödie „Parasol – Mallorca im Schatten” von Valéry Rosier, auch wenn ich glaube, dass der Film nicht sehr bekannt ist. Ein belgischer Film mit tatiesken Charakteren, der in Spanien und mit ganz wenig Budget gedreht wurde.

Fiona Gordon: „Toni Erdmann“ fällt mir noch ein. Genial! Ich hab‘ kürzlich ein Interview mit Maren Ade gelesen und sie erzählte darin, dass sie sich gar nicht bewusst war, dass ihr Film witzig ist. Das konnte ich kaum glauben.

Fiona, Du sprichst so ein klares Französisch und in dem Film mit so starkem Akzent…?

Fiona Gordon (lacht): Ich habe eigentlich noch einen starken Akzent, das hängt immer ganz von der Situation ab. Aber Dom meinte, ich sollte den Akzent für unseren Film extra verstärken.

Dominique Abel: Und wir haben ihre Mutter gebeten, ein paar Sätze vorzusprechen, wie zum Beispiel: ‚Je comprends pas trop le français.‘

Apropos, wer von Euch hatte eigentlich als Erster die Idee zu „Barfuß in Paris“?

Dominique Abel: Wir wissen oft nicht so genau, wer und wie das Ganze in Gang gekommen ist. Auf jeden Fall wollten wir etwas Unverblümtes machen und die Geschichte etwas begrenzen, um beim Dreh der Erzählung nicht ständig nachrennen zu müssen und uns an ein freies Spiel wagen zu können. Und wir wollten mit eher überzeichneten Charakteren arbeiten. Und dann haben wir an Fiona gedacht, die aus Kanada kommt…

Fiona Gordon: Unsere Ideen kommen in kleinen Schritten. Und wenn wir uns einmal festgelegt haben, ist es schwer, sich daran zu erinnern, wer nun letztlich Ursprung dieser Idee war. So oder so waren wir uns einig, dass wir etwas Fröhliches machen wollen. Weil unsere anderen beiden Filme schon etwas leicht Betrübtes haben. Aber auch, weil wir gerade in einer schwierigen Zeit leben und das Kino eine so klare Tendenz zu düsteren Geschichten hat. Mit „Barfuß Paris“ wollten wir uns dagegen auflehnen und gewissermaßen rebellieren…

Und das ist Euch allemal gelungen! Alles Gute für den Filmstart (07. September 2017), eine gute Zeit in Berlin und vielen Dank für das spannende Interview.

Das Gespräch fand im Sechs-Augen-Gespräch mit unserer Autorin Vanessa auf Französisch statt.

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