christopher buchholz

Interview mit CHRISTOPHER BUCHHOLZ: ein Festivalleiter ohne Grenzen: 31. Französische Filmtage Tübingen und Stuttgart!

Das größte frankophone Filmfestival in deutschsprachigen Ländern findet zum 31. Mal in Tübingen und Stuttgart statt (29.10 bis 05.11.2014)!

Wir konnten dieses Jahr wieder ein sehr gutes und sehr offenes Interview mit Christopher Buchholz führen! Christopher leitet die französischen Filmtage zum 5. Mal und seit er an der Spitze des Festivals steht, hat es eine sehr große und internationale Dimension angenommen. Der in Amerika geborene und größtenteils in Frankreich aufgewachsene Sohn von Horst (Hotte) Buchholz ist im Filmbusiness zu Hause. In Deutschland ist er vor allem durch seinen mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm über seinen berühmten Vater „Horst Buchholz … mein Papa“ bekannt. Auch als Schauspieler hat der mehrsprachige Christopher Buchholz in den letzten Jahren in vielen internationalen Filmproduktionen mitgewirkt.

Das Interview wurde am 16.10.2014 in Tübingen in den Büros des Festivals auf  französisch geführt und hier finden Sie die deutsche Version davon.

Bevor wir direkt ins Programm für dieses Jahr gehen, lassen Sie uns kurz über die Bilanz von letztem Jahr reden?

Christopher BuchholzKlar, aber vorher muss ich mich an letztem Jahr erst erinnern (lacht er!). Ich war sehr zufrieden, da wir seit Jahren wachsende Besucherzahlen haben (in 2013 waren es ca. 13.000), wir hoffen jedes Jahr noch mehr Leute zu begeistern! Letztes Jahr war das 30-jährige Jubiläum, wir hatten 30 neue Filme, 30 Gäste etc. Das Programm war sehr reich, mit u.a magischen Momenten mit Cinéconcerts „TABOU“ im Kreissparkasse Karré (Tübingen), ich glaube die Leute werden es nie vergessen.

Dieses Jahr wird das Festival noch reicher, aber Ihr habt vor allem einen neuen Slogan „FACE à FACE“, können Sie ein bisschen mehr über die Bedeutung reden?

Christopher Buchholz: Es gibt mehrere Gründe aber primär ist es weil das Kino der  Ort ist wo man sich selbst befindet, wo man mit seinem eigenen ICH konfrontiert wird! Und unser Maskottchen ist der Affe und letztendlich stammen wir alle vom Affen ab. Man befindet sich „Face à face“ – d. h. von Angesicht zu Angesicht mit sich selbst, was eine Reflexion und Anlass zur Diskussion gibt! Eine Rückkehr an die Quelle mit „Lucy“ von woher wir kommen, ich schaue den Affe an und er guckt mich an und beide fragen wir uns wo wir stehen? Haben wir uns wirklich so weit entwickelt wie wir meinen?

Kino ist wundervoll, im Kino kann man alles entdecken, neue Welten, neue Eindrücke… so etwas gibt es nur im Kino. Und vor allem im Kino, gibt es eine 95%ige Chance einen Film auszuwählen der einem gefällt! Ja, die Auswahl ist so groß dass für jeden etwas dabei sein sollte.

Dieses Jahr haben wir viele gute Filme. Jedes Jahr sind wir unsicher ob die Filme gut sein werden … aber Gott sei Dank ist die französische 7. Kunst reich an Qualität! Mommy von XAVIER DOLAN der Jury-Preisträger aus dem Festival de Cannes 2014 (#Cannes2014) ist unglaublich, unbedingt anschauen! Auch z.B „L’enlèvement de Michel Houellebecq“, der Film ist unbeschreiblich und so schräg dass es wieder gut ist! Auch den Abschlussfilm für Stuttgart „MÉTAMORPHOSE“ von Christophe Honoré der sehr spät ins Programm kann, ist wundervoll, man muss ihn einfach gesehen haben.

Ein Festival ist nicht nur eine Woche Arbeit im Jahr sondern eine Jahresaufgabe. Können Sie ein bisschen über die Organisation des Festivals  erzählen und über die Leute die für das Festival stehen?

Christopher BuchholzJa, genau wir sind das ganze Jahr unterwegs. Wir haben im Programm insgesamt 150 Filme dieses Jahr, davon 80 lange Filme und 70 Kurzfilme, davon haben wiederum 28 Deutschlandpremiere! Um diese Filme auszuwählen haben wir natürlich noch sehr viel mehr Filme gesehen. Es ist schwierig sich zu entscheiden und die Art zu arbeiten ändert sich, da wir jedes Jahr berühmter werden. Viele kennen uns jetzt und deshalb schicken uns viele Leute ihre Filme! Es gibt aber Filme die wir sehen wollen, deshalb fragen wir selber nach. Alles zusammen macht natürlich die Auswahl kompliziert und dass ist unsere Arbeit, die Arbeit des ganzen Teams der französischen Filmtage!

Insgesamt zeigen wir 150, davon 80 lange Filme und  28 davon haben Deutschlandpremiere und viele Gäste!

Wir sind ein paar Leute die das ganze Jahr arbeiten. Ich selbst reise viel; es ist  das Schwierigste wenn man Kinder hat, ich habe zwei Töchter und ich sehe die leider zu wenig! Ansonsten gibt es Florian Bauer (mein Assistent), Hasan Augur (Programm-Manager), Bärbel Mauch (Auswahlkommission, Spezialistin für Afrika), Paulo de Carvalho (Auswahlkommission) Andrea Bachmann (PR Referentin), Natalie Kirch (Presse Veröffentlichungen), Bettina Roeser und Gabriele Elsaesser (Zuständig für Stuttgart)! Wir haben auch 3 Leute (Beate Nonhoff, Yvonne Lenz, Ricarda Lusar-Schrader) die zusammen mit uns arbeiten und sich um das Thema Schulkino kümmern. Übers Jahr sind wir ca. 15 Leute (der harte Kern) aber insgesamt sind es über 50 Leute mit allen Helfer usw. die dieses Festival mit Leben füllen. Die jüngeren Praktikanten bringen jedes Jahr „frisches Blut“ und ergänzen das Team sehr gut! Wir können allen leider nicht viel zahlen, aber sie sind sehr motiviert, lernen viel, und bringen 300% Einsatz wie alle anderen Mitarbeiter. Unser jährliches Budget beträgt ca. 300.000 Euro, das ist leider nicht viel, deshalb müssen wir gute Partnerschaften mit Sponsoren entwickeln.

Wir müssen daran arbeiten das Frankreich, bzw. französische Filme noch mehr Aufmerksamkeit bekommen, somit würde es für uns und das Festival  finanziell viel leichter!

Das Festival wird in Tübingen am 29.10 mit dem Film „TIMBUKTU“ von Abderrahmane Sissako eröffnen! Der Film ist unglaublich, wurde in Cannes bejubelt, ist aber sehr hart und leider sehr aktuell, warum dieser Film?

Ja, der Film ist leider sehr aktuell wegen des ganzen islamistischen Terrorismus und dem Terror weltweit. Für die Eröffnung braucht man auch einen Film mit Charakter, mit einem bisschen von allem, aber auch gleichzeitig nicht zu viel so dass die Leute Lust kriegen weitere Filme im Festival anzuschauen. Noch dazu es ist für uns die Möglichkeit einen lokalen Verleih zu unterstützen (Arsenal Filmverleih kommt aus Tübingen)! Der Film ist auch lustig und er lacht die Terroristen aus. Es ist ein Kunstwerk mit ernsten Themen die Leute zum Lachen zu bringen und gleichzeitig glaubwürdig zu bleiben. Die Pressekonferenz in Cannes dieses Jahr war sehr emotional,  man muss sie gesehen haben!

Am Mittwoch 29. 10 werden wir auch eine Pressekonferenz mit Abderrahmane Sissako in Tübingen organisieren, davor wird TIMBUKTU um 12h00 der Presse vorgestellt und später nach der Pressekonferenz dürfen die Journalisten Abderrahmane Sissako interviewen! Wir sind sehr stolz darauf, weil der Regisseur seit seinem Auftritt in Cannes sehr angesagt und gefragt ist und er reist gerade durch die ganze Welt mit einem zwei Tage Stopp in Tübingen, auch für eine Master Class am Donnerstag 30.10.2014!

Was erwartet uns dieses Jahr? Afrika wird wieder GROSS GESCHRIEBEN was dem Festival eine internationale Dimension gibt!

Ja, Afrika wird wieder eine große Rolle spielen. Normalerweise wollen wir in der Sektion „Afrika“ Filme zeigen, die von Afrikanern gemacht wurden. Ich wollte dieses Jahr aber auch Filme zeigen die von Weißen gemacht wurden, wie der Film „HOPE“ von Boris Lojkine, eine Odyssee durch die Sahara, über Leute die bereit sind alles zu riskieren um mit ihren Füßen Europa betreten zu können. Auch dieses Thema ist leider sehr aktuell. Auch „L´éclat furtif de l´ombre“, „Eau argentée“ oder „Le crocodile du Botswanga“, alle diese Filme wurden u.a. von Weißen gemacht und zeigen Afrika aus einem anderen Blinkwinkel.

Durch Filme wie „Le crocodile du Botswanga“ möchte ich erreichen, dass das Festival nicht zu klassisch wird,  kategorisiert in das eine oder andere Genre. Letztendlich sind alle Genre gut, und jeder Film kann etwas Gutes haben! Genre hat keine Bedeutung an sich, so lange der Film gut ist!

Was für mich auch sehr wichtig ist, ist dass wir während des Festivals jungen Leuten Filme in den Schulen zeigen, denn wir möchten damit die Lust der Jugend auf Kino wecken. Da es in Deutschland keine Filmkultur gibt, müssen wir jungen Leuten andere Filme als nur Blockbuster zeigen!

Es herrscht keine Filmkultur in Deutschland! Wir möchten das ändern!

Noch dazu werden die jungen Leute durch das Schulkino mit dem Thema „Kino“ konfrontiert und sie machen ein gemeinsames Projekt. Und das ist das Magische und das Wichtigste – egal was du machst, aber mach was und diese Erinnerung wird für immer bleiben.

Wie kann man das Festival und die französische Filmkultur noch stärker entwickeln und vor allem wie könnte man das Festival in Stuttgart größer machen, so dass die Stuttgarter mehr französische Filme zu sehen bekommen?

Es ist nicht so einfach – ein Festival ist besser geeignet für eine kleine Stadt wie Tübingen! Stuttgart ist zu groß, eigentlich ist daß das Problem. Das Angebot an Kultur ist in Stuttgart  auch viel größer! Wir zeigen z. B in Stuttgart eine andere Art Filme als in Tübingen, sonst könnten ein paar Filme nicht so gut ankommen. In Tübingen dagegen gibt es eine große frankophone Community. Tübingen ist eher eine „intellektuellere“ Stadt im Gegenteil zu Stuttgart, mit vollem Respekt und ohne jemanden beleidigen zu wollen, aber so ist es nun mal!

Die einzige Ausnahme eines erfolgreichen, großen Festivals ist die Berlinale in Berlin am Potsdamer Platz, wo sehr viele Kinos pro Quadratmeter sind.

Und vor allem – um die Wahrheit zu sagen – wenn wir ein internationales Filmfestival wären, wäre es bestimmt viel einfacher! Wir sind aber ein Festival für frankophone Filme und das beschränkt natürlich auch das Publikum…. leider!

Es ist das Problem, dass viele Leute französische Filme mit komplizierten und pseudo- intellektuellen Handlungen verbinden, und dass ist falsch. Unter Umständen war das früher der Fall, in Zeiten der „Nouvelle vague“, aber aktuell sind sehr viele unterschiedliche französische Filme angesagt und jedes Jahr erleben wir in Deutschland große Erfolge (Ziemlich beste Freunde, oder Monsieur Claude und seine Töchter dieses Jahr)! Die „Nicht-Filmkultur“ ist aber ein Thema in Deutschland. Ich werde oft gefragt: „Welche Stars kommen dieses Jahr?“ Aber letztendlich kennen die Leute in Deutschland nur die 3 DDD – mehr nicht (Delon, Deneuve, Depardieu), und vielleicht noch irgendwas mit den Schtis bzw. einen schwarzen, jungen Schauspieler aus „Ziemlich beste Freunde“ …

Sehen wir Sie wieder nächstes Jahr?

Wenn Sie mich immer noch wollen – natürlich – es ist doch der schönste Job der Welt!

Vielen Dank und bis nächstes Jahr, bon festival!

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