LAURENCE ANYWAYS von Xavier Dolan: 20.06.13 im Kino

Laurence Anyways
Laurence Anyways

Xavier Dolan als Regisseur engagiert sich weiter und wieder für das Verständnis und die Rechte von Schwulen und Lesbischen.. hier ist sein neues Meisterwerk mit Melvil Poupaud!

Interview mit XAVIER DOLAN (NFP marketing & distribution*)


Woher kam die Idee zu diesem Film?

Nach den ersten beiden Drehtagen von I Killed My Mother befanden wir uns auf dem Weg zurück nach Montreal, ich fuhr mit ein paar unserer Crewmitglieder im Auto, darunter Anne Dorval. Wir redeten über alles und nichts, als eine der Kostümassistentinnen anfing von einem ihrer Ex-Liebhaber zu erzählen. Eines Nachts hatte er, damals noch ihr Freund, ihr erzählt, dass er eine Frau werden möchte. Ich fühlte, dass dieser Schock, den sie erlebte – auch wenn er zweifellos für jedes Paar, das eine solche Erfahrung macht, unterschiedlich ist – nicht einzigartig war. Aber so wie sie das sagte – der Klang ihrer Stimme, ihre Gefühlsregungen, ihre Aufrichtigkeit –, konnte ich mir vorstellen, wie es vielleicht wäre, wenn man einen Freund, einen Elternteil oder einen Partner hätte, der von einem Tag auf den nächsten das Unmögliche herausfordert und damit jeden einzelnen Moment, den man gemeinsam geteilt hat, einem schrecklichen Verdacht aussetzt. In dieser Nacht schrieb ich dreißig Seiten. Ich hatte den Titel im Kopf und kannte das Ende. Obwohl alles sehr schnell ging, habe ich dennoch langsam geschrieben, zwischen den Dreharbeiten, oft nachts, im Süden der USA. In vielen verschiedenen Staaten, wenn man es recht bedenkt.

Ist dies ein autobiografischer Film, wie I Killed My Mother und Herzensbrecher?
Ja und Nein. Nein, weil ich nicht transsexuell bin. Und Ja, absolut, weil bisher all meine Filme – und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es jemals anders sein wird – autobiografisch oder zumindest zutiefst persönlich sind. Ich kann nicht anders, als bei meinen Filmen meinen eigenen Instinkten zu folgen und zu vertrauen. Ganz ehrlich glaube ich nicht daran, dass es wirkliche Fiktion im Kino geben kann. Es gibt erfundene Geschichten, aber ein Regisseur kann nicht anders, als etwas von sich selbst in seine Filme zu geben. Bei mir ist das sehr viel, ob das nun gut ist oder nicht. Ob sich das narzisstisch oder egozentrisch anhört ist mir egal. Ich weigere mich einfach, Menschen mit Dingen zu langweilen, von denen ich keine Ahnung habe, die ich noch nicht selbst bewältigt habe. Ich bin weder faul noch anspruchslos, aber im Moment bleibe ich einfach bei dem, was ich kenne: der Bequemlichkeit der Selbsterkenntnis, der Härte von Urteilen anderer, gegen die wir kämpfen, ganz allein, ohne Freunde und Verbündete. Wenn jemand meine Filme gesehen hat, kann er davon ausgehen, dass er mich persönlich kennt. Als ich damit anfing Filme zu machen, tat ich dies vor allem, um mir selbst Arbeit als Schauspieler zu geben, um sicher zu stellen, dass mich niemand vergessen würde. Als ich dann aber anfing Regie zu führen, erkannte ich, dass genau die gleiche Angst auch in dieser Arbeit vorherrschte. In genau diesem Sinne sind gewissermaßen alle meine Filme autobiografisch, denn wer von uns wäre so dumm und würde nicht die Gelegenheit ergreifen, in diesem Leben einen Eindruck zu hinterlassen?
Wir opfern unsere privaten Erinnerungen auf dem Altar der kollektiven Erinnerung, damit wir nicht vergessen werden, und überlassen uns dabei einem realen Leben, das davon unberührt weitergeht. Und Film nach Film erinnern wir uns weniger und weniger und werden wir selbst. Und schon bald erzählen unsere Filme nur noch vom Kino.

Für Ihren dritten Film haben Sie sich zur Zusammenarbeit mit erfahrenen Künstlern entschieden, besonders beim Production Design und der Kameraarbeit. Lag das am höheren Budget des Films –
LAURENCE ANYWAYS kostete fast acht mal so viel wie I Killed My Mother?

Überhaupt nicht. Ich arbeite nur sehr gern mit talentierten Menschen, egal ob Schauspieler, Techniker oder Kameramann – und ihre Demut oder Egos interessieren mich dabei weniger als ihr Instinkt, Stil und ihr Knowhow. Von Film zu Film baut man ein Team auf. Manche bleiben, manche gehen. Ich habe lange darauf gewartet, mit unserem Kameramann Yves Bélanger zusammen zu arbeiten. Er ist Künstler und ein verrückter Mensch. Er redet gern viel, ist leidenschaftlich und kultiviert – wir haben uns gefunden. Anne Pritchard, dieProduction Designerin, ist so kreativ und scharfsinnig. Sie hat schon mit Louis Malle und De Palma gearbeitet. Sie lasse ich nie wieder gehen. Und François Barbeau, der acht der Kostüme im Film designed hat, ist einMeister, von dem ich nur lernen kann. Es wäre dumm, sich von Menschen einschüchtern zu lassen, die eine derart große Erfahrung haben und weitergeben können. Zusammen können wir einen Film besser machen, ihn verändern, ihn länger oder kürzer machen, bis ins letzte Detail. Offen gestanden komme ich mit Leuten in meinem Alter nicht so gut klar. Das scheint eine unbeabsichtigte Konstante in meinem Leben zu sein. Und ich hätte Angst davor, einen 25- oder 30-jährigen Kameramann nicht respektieren zu können. Bei Bélanger, Pritchard und Barbeau ist die Intelligenz und Erfahrung so offensichtlich, dass man einfach gezwungen ist zuzuhören, es anzunehmen und verdammt noch mal das Maul zu halten.


Neben Ihrer Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur haben Sie für diesen Film auch die Kostüme entworfen und den Schnitt gemacht. Bedeutet das, dass Sie sich in Richtung eines „Multitasking-artigen“, ich bezogenen Stils des Filmemachens entwickeln?
Ichbezogen? Klar. Reise ins innere meines Selbst, auf geht’s! Ja, mein Arbeitsstil definiert sich größtenteils durch Multitasking. Aber ist das negativ? Und ich höre immer da auf, wo ich merke, dass ich keinen Boden mehr unter den Füßen habe. Kino ist die siebente Kunst, die Summe der anderen sechs. Mode ist sicherlich das vergessene Kind dieser Geschichte. Jedenfalls denke ich, dass man an all diesen Künsten interessiert sein muss, um sie zu verstehen. Ich lerne gerade, Stück für Stück, den Umgang mit zwei oder drei von ihnen, und es fasziniert mich, die anderen einzubinden, ohne sie selbst beherrschen zu müssen. Ich denke, ich habe von allen Kunstformen die mühsamste ausgewählt, und es scheint logisch, dass sie, obwohl von einem einzigen Menschen erdacht, kollektiv ausgeübt wird. Nach einer Vorführung von Herzensbrecher in Belgien sagte eine Frau zu mir, dass, wenn ich in meinen Filmen weiterhin „Alles“ tun würde, ich riskieren würde sie zu ertränken, ganz zu schweigen davon, dass ich mich des Talents anderer berauben würde, oder andere der Chance berauben würde, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie fühlte sich von diesem Individualismus wahrhaftig angegriffen. Ich sagte, dass die anderen doch auch nur ihre eigenen Filme machen müssten, und dass, wenn ich allein an meinem Film arbeite, ich die Freiheit habe, alles zu tun, was mich interessiert, besonders wenn ich denke, dass ich ein gewisses Talent anzubieten habe, oder zumindest etwas Persönliches. Kostüm und Schnitt sind zwei völlig verschiedene Gewerke, und ich habe sie übernommen, weil ich eine große Leidenschaft für sie habe. Ein Maler arbeitet nicht mit einem Farbenkünstler, einem Experten in Textur, einem technischen Berater, einem Angestellten, der für die Pinsel und die Staffelei verantwortlich ist. Im Kino bedarf der Schaffensprozess der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Aber es bleibt der Film eines einzelnen Menschen, einem Schöpfer, im Idealfall

Was hat Sie bei diesem Film beeinflusst?
Für die Vorbereitung auf den Film habe ich Dutzende von Magazinen, Büchern über Kunst und Fotografien im MOMA und in vielen Kunstgeschäften in New York und Montréal gekauft. Ich habe bei eBay und Amazon Modemagazine und andere Dokumente ersteigert und gekauft, um für die Kostüme zu recherchieren. Ich würde sagen, ganz generell hat mich Nan Goldin beeinflusst, genau wie hunderte weiterer Fotografen, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann. Und Matisse, Tamara de Lempicka, Chagall, Picasso, Monet, Bosch, Seurat, Mondrian (für das Framing), Klimt (für die Anordnung der Farben, die chromatische Einheitlichkeit bestimmter Teile des Films, die goldene Phase, die mauve-farbene Phase). Hinsichtlich Kino gibt es eine kurze aber sehr präzise Reminiszenz an Marlon Brando in Endstation Sehnsucht, und ich verwende immer wieder Großaufnahmen, die von Jonathan Demmes Das Schweigen der Lämmer inspiriert sind (wenig Tiefe, eine ganz ruhige Kamera, das Gefühl des Beobachtetwerdens, sehr starke Nähe). Hinsichtlich des Rhythmus und der generellen Ambition habe ich mich von James Camerons Titanic inspirieren lassen.
Eigentlich inspiriert mich aber alles was ich lese, sehe oder höre, auch wenn es nicht mein Geschmack oder Stil ist, ich denke, das ist ganz normal. Alles Schöne, Bewegende und Vollkommene sollte uns, theoretisch, inspirieren. Und ich schäme mich nicht dafür, denn ich weiß, dass das, was mich inspiriert, nicht das ist, was mich beeinflusst, sondern nur das, was mich bewegt. Etwas zu bewundern übt eine Macht auf uns aus, durch die Destillation unseres Universums, unserer Träume, unserer Sprache, unserer Generation, unserer Wunden, unserer Phantasien… Was daraus oft entsteht ist das diametral Entgegengesetzte zum Ursprünglichen, bis zu dem Punkt, dass die Inspiration nicht mehr erkennbar ist. Es ist die stille Post der Vorstellungskraft. In jedem Fall ist alles irgendwie schon einmal gemacht worden. Als Filmemacher habe ich viele unterschiedliche Ambitionen, aber ich werde niemals so tun, als hätte ich einen Stil oder eine bestimmte „Schule“ selbst erfunden. Seit 1930 wurde alles schon einmal gemacht. Was also nun? Ich habe mich dafür entschieden, dass es meine Arbeit ist, eine Geschichte zu erzählen, und dies gut zu tun, dieser Geschichte eine Richtung zu geben, die zu ihr passt und die sie verdient. Der Rest, egal ob erfunden oder geklaut, ist lediglich der Beweis dafür, dass nichts schwieriger ist, als eine Idee zu haben.

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